Kurt-Hackenberg-Preis 2021

Der Kurt Hackenberg-Preis 2021 geht an:

Madonnas letzter Traum

von Doğan Akhanlı

Inszenierung Susanne Schmelcher | Ausstattung Sarah Sauerborn | Musik Viola Kramer | Video Frederik Werth | Produktionsleitung Laura Dreyer |
Unter Mitwirkung von Doğan Akhanlı | Aufnahme Violine Franziska Münzberg

Die Laudatio:

Gedächtnis ist eine höchst unsichere Sache. Es ist unzuverlässig, manipulierbar und abhängig von Medien sowie sozialen Rahmenbedingungen. Und im Fall von geteilter Erinnerung, verstanden als Weitergabe von gesellschaftlich relevantem Wissen, hat das kollektive Gedächtnis immer auch eine politische Dimension. Was sich hier so akademisch-trocken liest, wird in Susanne Schmelchers Adaption von Doğan Akhanlıs Roman Madonnas letzter Traum sinnlich und bravourös auf die Bühne im Theater im Bauturm gebracht. Was wird wie erinnert? Was wird verschwiegen? Und gibt es dabei so etwas wie eine historische Wahrheit? Oder sind alle Erinnerungen erfundene Erinnerungen? „Die Geschichte kann vielleicht nicht geändert werden, aber wie darüber erzählt wird schon“, heißt es bei Akhanlı. Und auch Susanne Schmelcher geht es um das Verhältnis von Geschichte und Erzählung, von history und story. Ein Verhältnis, das sich als äußert komplex, wenn nicht kompliziert darstellt. Roman und Inszenierung verschachteln virtuos Fiktion und historische Tatsachen, Literatur und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, reflektieren über das Erzählen – und über das gegenwärtige Erinnern an den Holocaust.

Der in diesem Herbst verstorbene Akhanlı überschreibt in Madonnas letzter Traum einen Roman von Sabahattin Ali, der unter dem Titel Die Madonna im Pelzmantel die Liebesgeschichte des türkischen Emigranten Raif Effendi und der Jüdin Maria Puder im Berlin des Jahres 1936 erzählt. Akhanlıs Ich-Erzähler – ein Schriftsteller –  will nicht glauben, dass Maria Puder eines natürlichen Todes gestorben ist und beginnt mit Nachforschungen, bei denen er ihrer Tochter Alma begegnet, einer Figur mithin, die er selbst erfunden hat. Im Mittelpunkt der Spurensuche steht der tatsächliche Untergang des seeuntauglichen Flüchtlingsschiffs Struma vor der türkischen Küste im Jahr 1942, bei dem fast alle der mehr als 760 jüdischen Passagiere starben. Doch der Text deutet nicht nur die Vergangenheit aus, sondern zieht auch Parallelen zu Flucht und Vertreibung in der Gegenwart. Erinnern durch Erzählen. Erzählen, um zu erinnern: #saytheirnames. Regisseurin Susanne Schmelcher lässt wieder und wieder Namen getöteter Jüdinnen und Juden an die Wände des Theaters schreiben. Ihre fast dreistündige Inszenierung vertraut jedoch nicht nur auf die Macht der Literatur, sondern setzt vor allem auf die Verführungskraft des Schauspiels. Zu zweit verkörpern Marc Fischer und Sibel Polat das Geflecht historischer und gegenwärtiger Stimmen, wechseln Rollen, Tonarten und Perspektiven, scherzen mit dem Publikum und machen den Abend durch ihre Präsenz zu einem echten Theatererlebnis. Ein Theater, das eine komplexe Wirklichkeit dramaturgisch klug und schauspielerisch kongenial aufbereitet, um über die schwierigen Beziehungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Deutschland und der Türkei, Heimat und erzwungenem Exil zu erzählen.

Politisches Theater, so heißt es in den Kriterien zur Vergabe des Kurt Hackenberg-Preises, ist dadurch gekennzeichnet, dass dem Publikum Handlungsoptionen für einen veränderten Umgang mit gesellschaftlicher Wirklichkeit aufgezeigt werden. Madonnas letzter Traum tut dies auf eine wunderbar spielerische Art und Weise, mit der Türen zu neuen, transnationalen Erinnerungsräumen geöffnet werden.

Sandra Nuy

 

Nominiert waren:

33 Frauen

  • mit: Sibel Polat, Carlos Cortez
  • Entwicklung & Inszenierung: Manuel Moser, Sibel Polat
  • Produktion: c.t. 201 und Comedia

Die Lage

  • von Thomas Melle
  • mit: Anja Jazeschann, Mirjam Radovic, Michel Kopmann, Charles Ripley
  • Inszenierung: Kay Link
  • Produktion: Freies Werkstatt Theater

Gegen die Demokratie

  • von Esteve Soler
  • Mit: Rosa Dahm, Tom Kramer und Matthias Pieper
  • Inszenierung: Bettina Montazem
  • Produktion: Urania Theater

Let’s sing another song! – Protest!

  • von und mit: Eva-Maria Baumeister, Ute Eisenhut, Sonia Franken, Axel Lindner, Fiona Metscher, Eva Maria Müller, Oxana Omelchuk, Nina Rühmeier, Lena Thelen, Judith Wolf
  • Produktion: POLAR PUBLIK & Freies Werkstatt Theater

Madonnas letzter Traum

  • von Doğan Akhanlı
  • mit: Marc Fischer und Sibel Polat
  • Inszenierung: Susanne Schmelcher
  • Produktion: Theater im Bauturm

Unfassbar

  • Angie Hiesl und Roland Kaiser
  • mit: Lenah Flaig and Helena Miko
  • Produktion: Angie Hiesl + Roland Kaiser in Koproduktion mit dem Kulturbüro Krefeld

Die Jury:

Dr. Sandra Nuy

Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Siegen (Politik- und Medienwissenschaft), Promotion mit einer Arbeit über die Dramen Arthur Schnitzlers im Fernsehen;
Publikationen zur deutsch-jüdischen Kulturgeschichte, Theater und Medien, seit 1989 auch freiberufliche Arbeiten als Kulturjournalistin und Dramaturgin

Jan Stangier

Studium der Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaften in Siegen und Hamburg. Derzeit am Theater Bonn im Bereich Marketing und Öffentlichkeitsarbeit engagiert. Vorstandsmitglied im Kulturforum Köln und Dozent am Kölner Institut für Kulturarbeit und Weiterbildung.
Neu in der Jury ab 2021

Christoph Pragua

Hamburger. Studium mit Schwerpunkt der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft in Köln. Im Karneval Kontakt bekommen mit dem Westdeutschen Rundfunk, dort dann ein Berufsleben lang aktiv als Regisseur für Hörspiel, Literatur und Feature. Gelegentliche Ausflüge in den Journalismus.

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