Kurt-Hackenberg-Preis 2020

Die Verleihung der Kölner Tanz- und Theaterpreise fand am 7. Dezember 2020 coronabedingt als Livestream im Internet statt.

Zu keinem Zeitpunkt stand es für die SK Stiftung Kultur zur Debatte, in diesem Jahr auf die Vergabe der insgesamt sieben Preise (Kölner Theaterpreis, Kölner Kinder- und Jugendtheaterpreis, Kölner Tanztheaterpreis, Kölner Ehrentheaterpreis, Kölner Darstellerpreis, Kurt-Hackenberg-Preis für politisches Theater sowie der „Puck“ für Nachwuchsschauspieler*innen) zu verzichten. Der Stiftung und den Preisgeldgebern war es wichtig, auch in 2020 die freie Kölner Theaterszene für ihre geleistete Arbeit auszuzeichnen: Trotz der deutlich verkürzten Spielzeit – bedingt durch die mit dem Lockdown über viele Wochen verbundenen Schließungen von Theatern und Veranstaltungsräumen – hatten die Jurys Stücke in hoher Qualität und in einer eindrucksvollen inhaltlichen Spannbreite gesehen: Insgesamt 69 Neuproduktionen aus den Sparten Theater, Kinder- und Jugendtheater sowie Tanz wurden gesichtet, wovon 24 eine Nominierung erhielten. Wie 2019 wurden Preisgelder in einer Gesamthöhe von 33.600 € ausgeschüttet.

Moderiert wurde der Abend von Prof. Hans-Georg Bögner, Geschäftsführer der SK Stiftung Kultur und Initiator der Kölner Tanz- und Theaterpreise, und der Schauspielerin Aischa-Lina Löbbert, die bereits in 2019 zusammen durch die Preisverleihung geführt hatten.

Seit 1990 ist es Tradition, dass die besten Produktionen der freien Kölner Tanz- und Theaterszene des zurückliegenden Jahres am ersten Montagabend im Dezember im Rahmen einer feierlichen Preisverleihung im Mediapark ausgezeichnet werden. 2020 war alles anders: Aufgrund der Corona-Pandemie konnte diese öffentliche Traditionsveranstaltung – zweifellos einer der Höhepunkte der Kölner Theater- und Tanzszene des Jahres – nach drei Jahrzehnten zum ersten Mal nicht im gewohnten Rahmen stattfinden. Aufgrund der derzeit gültigen Kontaktbeschränkungen fiel die Entscheidung für eine Liveübertragung der Bekanntgabe der Preisträger*innen im Internet ohne Publikum.

Trotz des anderen Formats – wie immer konnte bei der Theaterpreisverleihung mitgefiebert werden: Bis auf den Kölner Ehrentheaterpreis, den in diesem Jahr die Choreographin Gerda König erhält, blieben alle Gewinner bis zur Verkündigung geheim.

Sehen Sie sich die Preisverleihung vom 7.12. im Stream an: https://t1p.de/k4gy

DER KURT-HACKENBERG-Preis für politisches Theater 2020 ging
zu gleichen Teilen an 2 Produktionen:

„1934 – Stimmen“ von Futur3 und
„Geister ungesehen“ vom Analog Theater

Wir gratulieren den PreisträgerInnen!

Geister Ungesehen

  • Text: Ensemble
  • Produktion: Analog-Theater in Koproduktion mit der StudiobühneKöln
  • Mit: Dorothea Förtsch, Lara Pietjou, Ingmar Skrinjar und dem Analog-Theater Heimat-, Schuld- und Sühnechor
  • Inszenierung: Daniel Schüßler

1934 – Stimmen

Oder: Als mein Mann das große Glück hatte, dem Führer im Tempelhofener Flughafenrestaurant eine Erfrischung reichen zu dürfen

  • Spielfassung: Ensemble
  • Auswahl und Bearbeitung der Abel-Papers: Charlotte Luise Fechner u. Sandra Nuy
  • Produktion: Futur3 – freies Theaterkollektiv Köln in Zusammenarbeit mit Freihandelszone – Ensemblenetzwerk Köln
  • Mit: Frank Casali, Anja Jazeschann, Stefan H. Kraft, Luzia Schelling, Regina Welz
  • Inszenierung: André Erlen

    die Laudatio:

    Laudatio zur Verleihung des Kurt-Hackenberg-Preises für Politisches Theater 2020
    „1934 – Stimmen“ von Futur3 und
    „Geister ungesehen“ vom Analog Theater
    Trotz und wegen der Vielzahl von Gedenktagen und -jahren, die unaufhaltsam über uns hinwegziehen, kann es manchmal scheinen, dass wichtige Themen, die in unsere Gegenwart hineinwirken, unter dem Druck aktueller Geschehnisse zu kurz kommen. Das könnte auf die – selbstverständlich dokumentierte und zelebrierte – Erinnerung an zwei komplex verbundene Ereignisse zutreffen: das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren und vor 30 Jahren den Fall der Berliner Mauer als Auftakt der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Und zwar deshalb, weil das „Gedenkjahr“ in eine Zeit fällt, in der weltweit die Sehnsucht nach starken Führern, nach einfachen Antworten auf komplexe Fragen, ein über das Internet grassierendes Angebot von Verschwörungsmythen und ein Misstrauen in die beschwerlichen Prozesse der repräsentativen Demokratie um sich greifen.
    Die Jury des Kurt-Hackenberg-Preises für politisches Theater sah sich am Ende zwei Produktionen gegenüber, die sich auf höchst unterschiedliche Weise und auf gleichermaßen hohem Niveau annähern an den Aufstieg und Fall des sogenannten Dritten Reiches, das mit seiner Kernschmelze zwei neue deutsche Staaten erzeugt hat, die inzwischen wieder vereinigt, aber nicht wirklich eins geworden sind: „1934 – Stimmen“ von Futur3 und „Geister ungesehen“ vom Analog Theater. Die beide die so nicht mehr vermutete Nähe dieser Vergangenheit beschwören und damit Fragen an uns stellen.
    Futur 3 hat sich mit einer Aufsatz- und Materialsammlung des amerikanischen Soziologen Theodore Abel ein einzigartiges Zeitzeugnis vorgenommen. Abel hatte 1934 – mit Unterstützung des NS-Propagandaministeriums – in Deutschland ein Preisausschreiben gestartet, um authentische Selbstzeugnisse von „ganz normalen“ NationalsozialistInnen der ersten Stunde zu bekommen. Es wurden fast 700 Texte eingesandt.
    Das Theater betrachtet und filtert diese Texte mit demselben Ziel wie Abel, nämlich Gründe und Motive der frühen NS-Anhänger*innen zu verstehen – jetzt aber aus der Rückschau und mit dem Wissen um nationalistische und völkische Tendenzen in unseren Tagen. In den Gewölbekellern und Fluren des EL-DE-Hauses am Appellhofplatz (heute NS-Dokumentationszentrum) werden unter der Gesamtregie von André Erlen die Corona-bedingt vereinzelten Besucher auf einen spukhaft düsteren Parcours geschickt. Eine Nazisse, die darunter leidet, kein Mann zu sein, weil sie dann nämlich kämpfen könnte; eine andere, die sich sinnlich vor der Vision eines uniformierten Männlichkeitsidols räkelt; Kinder, die sich (mit den Worten ihrer Eltern) gegenseitig aufklären, wie„die Juden“ das öffentliche Leben beherrschen; ein sichtbar von der Straße in die Szene hinein telefonierender Mann, der das Damals wie beiläufig mit dem Heute verbindet. Das Ganze mit besonderem Augenmerk auf die im Ausgangsmaterial – natürlich? – unterrepräsentierten Frauen. Kleine Szenen, Ton- und Bildinstallationen. Reminiszenzen aus einer Zeit, die nicht verschwinden will.
    Am anderen Ende des katastrophischen Reiches setzt Daniel Schüßler mit seinem Analog-Theater an. Beim Massenselbstmord von Demmin, einer Kleinstadt in Vorpommern, einem von vielen ähnlichen Ereignissen in den letzten Tagen von Hitler-Deutschland. Viele hunderte, vielleicht über tausend Menschen brachten Ende April/Anfang Mai 1945 sich und ihre Kinder innerhalb weniger Tage um. Angst vor den heranrückenden sowjetischen Truppen, Verzweiflung über den Zusammenbruch der großdeutschen Reichsphantasie und vielleicht bis zuletzt geglaubter Sicherheiten, Schuldgefühle wegen eigener Verstrickung ins Geschehene? Die drei SchauspielerInnen erzählen, weithin unter eigenem Namen, was in Erzählungen oder Andeutungen von Eltern, Großeltern etc. auf sie gekommen ist über das Massaker von Demmin, über die Vernichtung des benachbarten Dargun, über die Flucht aus Ostpreußen. Dabei scheint das nicht Gesagte oft wichtiger als das Gesagte, weil unheimlich.
    Schüßler zeichnet auf einer kargen dunklen Bühne – im Zentrum ein großer in den Hintergrund (und die Vergangenheit?) führender Schlauchtunnel – eine Spurensuche in einer bekannten und doch ungewissen Geschichte nach. Oben zeigen Filmsequenzen Bilder aus dem Demmin von heute. Eine Kleinstadt-Tristesse, in der man in der DDR Zeugnisse der NS-Vergangenheit und in der Nach- Wende-Zeit solche der DDR-Vergangenheit beseitigte. Symbolisch Filmszenen mit dem „Analog Theater Heimat-, Schuld- und Sühne-Chor“, vielleicht auf der Flucht, vielleicht auf der Suche nach Relikten des Geschehenen. Über allem, unsichtbar, aber spürbar, wie ein drohend schwebender Fels, das furchtbare Kollektivereignis von 1945 mit allem, was daran hängt. Wie viel Gegenwart kann nicht vergehende Vergangenheit verhindern? Ein konzentriertes Raum-Bilder-Sprechtheater mit vielen Facetten. Ein neuer Stil auch beim Analog-Theater.
    Die Jury hat sich angesichts dieser beiden so eindrücklich korrespondierenden Arbeiten erst nicht entscheiden können – und dann nicht entscheiden wollen. Sie hat den Kurt-Hackenberg-Preis für politisches Theater in Köln Futur3 und Analog-Theater zusammen, das heißt zu gleichen Teilen zugesprochen. Eine Verneigung vor den Fremdenführern ins nicht vergehen Wollende.
    Dirk H. Fröse, Mitglied der Jury

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DER KURT-HACKENBERG-PREIS 2020: DIE WEITEREN NOMINIERUNGEN

Für den mit 5.000 Euro dotierten Kurt Hackenberg-Preis, Preis der Freien Volksbühne Köln für politisches Theater in Köln und ausgelobt von dem neuen Sponsor AVG Ressourcen, hat die Jury (Dr. Sandra Nuy, Maria Helmis, Dirk Fröse und Jan Stangier) folgende weitere Produktionen nominiert:

IS deutsche Räuber im Dschihad

  • Produktion: wehr51
  • Mit: Asta Nechajute, Fabian Kuhn, Lucia Schulz, Katharina Sim (Tanz)
  • Textfassung: Rosi Ulrich
  • Inszenierung: Andrea Bleikamp

Der Zauberer von Oz – There’s no place like home

  • Produktion: Theater der Keller
  • Mit: Frank Casali, Tim-Fabian Hoffmann, Karolina Horster, Simon Rußig
  • Inszenierung: Tom Müller